Juli 2009
Ackerbrache mit seltenen Ackerbeikräutern
Im Ackerland nordöstlich der Remise ( = Neurissäcker) gibt es eine Ackerbrache, in der im Juni und Juli 2009 über 60 (sechzig) verschiedene Arten festgestellt werden konnten. Mehr als ein Dutzend davon sind sehr bemerkenswert, weil sie zu den selten gewordenen Segetalarten zählen.
Bild 1: Ackerbrache_ Neurissäcker_18. und 20. Juni 2009 Blick über die Ackerbrache, im Hintergrund Badener Lindkogel, Rauheneckerberg und Mitterberg. Teilbild unten: weiße Blütendolden vom Hohlsamen und gelbgrüne Blüten vom Durchwachs-Hasenohr

Selten bedeutet nicht nur, dass man manche Segetalarten im Gebiet von Bad Vöslau überhaupt nur in wenigen Exemplaren antrifft, es heißt auch, dass Arten im größten Teil der Äcker fehlen und nur in einzelnen aus unterschiedlichen Gründen nicht behandelten Äckern oder Ackerrandbreichen anzutreffen sind, dann bisweilen aber durchaus auch in großer Zahl. Diese Brache zeigt, dass im Boden eine umfangreiche Samenbank ruht, aus der bei günstigen Bedingungen eine außerordentliche Artenvielfalt auftauchen kann.
(Aus technischen Gründen werden hier nur einige dieser Arten vorgestellt.)
Bild 2 : Ackerbrache_Fasangasse_Bifora radians u.a._15. JUni.2009
Am 15. Juni 2009 bestimmte neben einzelnen Mohn- und Kornblumen
die weiße Massenblüte des Stinkkorianders das Erscheinungsbild der
Brache.
Teilbild: Ein Blütenstand des Stinkkorianders. Die äußeren
Kronblätter der Randblüten sind stark vergrößert, sie strahlen nach
außen.

Der Name für diese Gruppe von Pflanzen leitet sich vom lateinischen Wort seges (= das Saatfeld, das Ackerfeld) ab. Üblicherweise werden diese Arten von vielen Menschen als Unkräuter, von manchen als Ackerbeikräuter bezeichnet. Einige behindern wirklich die Arbeit der Landwirte und schmälern die Ernteerträge. Viele, vor allem die meisten Einjährigen, sind aber so klein und konkurrenzschwach, dass sie keine Leistungsverminderung der Ackerfläche bewirken können.
Bild 3: Bupleurum rotundifolium_Neurissäcker_20. Juni 2009 Das Durchwachs- oder Rundblatt-Hasenohr hat seinen Namen von der
eigenartigen Ausformung der Stängelblätter: Die Spreiten der Blätter
greifen am Grunde weit über den Stängel hinaus und sind an dessen
gegenüberliegender Seite meist miteinander verwachsen, wodurch der
Stängel in diesen Fällen vom Blatt völlig umschlossen ist.

Die meisten dieser Arten sind sehr unscheinbar mit kleinen, oft winzigen Blüten. Nur das Hasenohr und der Stinkkoriander machen während der Blüte durch die große Zahl der kleinen Einzelblüten auf sich aufmerksam, das Adonisröschen durch seine leuchtend rote Farbe der Kronblätter.
Bild 4 :Adonis aestivalis_Gainfarn_12. Mai 2008 und Neurissäcker_13. Juli 2009
oberes Bild: Ein Sommer-Adonisröschen südlich von Gainfarn mit
kräftig roten Kronblättern. Im Fruchtstand sitzen die einzelnen Früchte
lückenlos dicht beisammen
Unteres Bild: Eine Einzelblüte von der Seite mit Fruchtknoten, Staubgefäßen, Kron- und Kelchblättern (beide rot und kahl)

Das Sommer-Adonisröschen (Adonis aestivalis) verrät durch die Ähnlichkeit im Blütenbau die Zugehörigkeit zu den Hahnenfußgewächsen (Ranunculaceae)
Zwei Segetalarten, die 2009 auf dieser Brache gefunden wurden, werden in den Roten Listen der gefährdeten Pflanzen Österreichs als „Vom Aussterben gefährdet" eingestuft: Das Dreihörner-Labkraut (Galium tricornutum) und der Venuskamm (Scandix pecten-veneris).
Bild 5: Galium tricornutum_ Neurissäcker_18.Juni 2009 Einzelne Pflanze des Dreihorn-Labkrautes in einem Getreidefeld.
Der Stängel ist vierkantig, die linealischen Blätter enden in einer
schmal ausgezogenen Spitze und sitzen in Quirlen am Stängel. Teilbild oben: Blütenstand an der Spitze der Pflanze: kleine , weiße und unscheinbare Blüten mit 4 Kronblättern Teilbild unten: Teilfruchtstand aus 3 kugelförmigen Früchten an nach unten gebogenen Fruchtstielen.

Die Blüten des Dreihörner-Labkrautes aus der Familie der Labkrautgewächse (Rubiaceae) sind sehr klein und weiß und daher unscheinbar und in den Teilblütenständen einzeln zu zweit oder meist zu dritt gruppiert. Die Fruchtstiele sind wie Ziegenhörner gebogen.
Auch beim Venuskamm sind die Blüten sehr klein und unscheinbar, die Früchte fallen aber durch ihre langen schnabelartigen Verlängerungen auf. Diese Schnäbel sind schon während der Blüte erkennbar.
Bild 6 : Scandix pecten-veneris_ Neurissäcker_18.Juni und 13. und 20. Juli 2009
Großes Bild: Teil einer Pflanze mit mehrfach fiederförmig
zerteilten Blättern und zwei Döldchen aus 4 bzw. 7 jungen Früchten. Die
Früchte sind länglich linealisch und tragen Schnäbel, die etwa 3x so
lang wie die Früchte sind.
Kleines Bild oben: Döldchen mit 5 Blüten
in unterschiedlichen Entwicklungsstadien. An einer voll entwickelten
Blüte sind winzige weiße Kronblätter und zwei Griffel auf einem
Griffelpolster zu erkennen. Kleines Bild unten re: Eine reife Frucht,
die sich in zwei Teilfrüchte gliedert. Jede Teilfrucht hängt mit der
Spitze ihres Schnabels an einem dünnen aufrechten Fruchtträger, die
beiden Teilfrüchte sind im vollreifen Zustand voneinander weggegbogen.
Kleines Bild unten links: Frucht ohne Schnabel bevor die Teilfrüchte
voneinander abspreizen.

Ebenso bescheiden sind die Blüten der Haftdolde.
Bild 7: Caucalis paltycarpos_ Neurissäcker_15. und 18.Juni 2009
Großes Bild: Blick auf den dichten Bestand der Haftdolde : Die
Blätter sind zweifach fiedrig zerschnitten, die Pflanzen haben
gleichzeitig (noch) Blüten und (schon) Früchte.
Oberes Teilbild: Die eiförmigen Früchte tragen lange Borsten, die in Haken enden.
Unteres
Teilbild: Eine Doppeldolde mit voll entwickelten Blüten, die äußeren
Kronblätter sind vergrößert und erhöhen dadurch die Schauwirkung des
Blütenstandes.

Bild 8 : Früchte von Bifora & Caucalis & Scandix _18.Juni 2009_ Bupleurum 20. Juni 2009_Neurissäcker
Großes Bild von li nach re: Die Früchte des Stinkkorianders aus
zwei kugelrunden Teilfrüchten, die Früchte der Haftdolde mit
Hakenborsten und die schmal-länglichen Früchte des Venuskamms mit
langen Schnäbeln
Kleines Bild: Teilfruchtstand des
Durchwachs-Hasenohrs : Jede Frucht besteht aus zwei Teilfrüchten mit
Längsrippen an den Außenseiten

Hasenohr, Venuskamm, Hohlsame und Haftdolde zählen zu den Doldengewächsen ( = Apiaceae = Umbelliferae ). Die Blüten sind in dieser Pflanzenfamilie in Dolden oder Doppeldolden angeordnet. Ein weiteres Merkmal ist die Form der Früchte: Sie bestehen aus zwei Teilfrüchten, die an den beiden Enden eines gegabelten (bei Scandix auch einfachen) Fruchtträgers (des Karpophors) hängen. Die Form der Teilfrüchte ist für jede Art charakteristisch: Beim Hasenohr länglich, außen gewölbt mit glatten Längsrippen und innen flach, bei der Haftdolde ähnlich aber mit Reihen von Widerhakenborsten auf den Rippen, beim Venuskamm länglich mit einem langen Schnabel, beim Stinkkoreander beinahe kugelrund.
Bild 9 : Neslia paniculata_ Neurissäcker_11. Juli 2009
Großes Bild: Einzelne Pflanze vom Finkensamen . Der obere Bereich
mit gelben Blüten, weiter unten mit unreifen Früchten. Die Kugelgestalt
der Schötchen ist arttypisch.
Kleine Bilder: Reife Früchte (Schötchen), kugelrund mit deutlich ausgeprägter Netzstruktur

Ein konkurrenzschwaches Ackerbeikraut aus der Familie der Kreuzblütler (= Brassicaceae = Cruciferae), das nur sehr zerstreut in Äckern auftaucht, ist der Finkensame (Neslia paniculata s.str.). Aus den Fruchtknoten seiner zarten, goldgelben Blüten entwickeln sich kugelrunde Schötchen, deren Oberflächen deutlich netzartig strukturiert sind.
Bild 10: Thymelaea passerina_Neurissäcker_13.Juni 2009_Schweizeräcker 17. Juli 2004_Polygonum aviculare_ Neurissäcker_13.Juni 2009
Großes Bild: Teil des Blütenstandes. In den Achseln der schmal-lanzettlichen Blätter sitzen einzelne Blüten.
Kleines
Bild oben: Voll entwickelte und geöffnete Blüte aus vier gelben
Kelchblättern (Kronblätter fehlen), die eine Röhre bilden und oben in
freien Zipfeln enden.
Kleines Bild unten: Zum Vergleich der im
Gesamterscheinungsbild ähnliche Vogelknöterich (Polygonum aviculare),
der aber eine fünfteilige (weiße und/oder rötliche) Blütenhülle hat
(und einige weitere Merkmale, durch die er sich von der Spatzenzunge
unterscheidet).

Die Blätter von Thymelaea passerina ähneln kleinen Vogelzungen und haben der Art zum deutschen Büchernamen Spatzenzunge und zum botanischen Artnamen verholfen (passer = der Spatz, der Sperling). Der Bezug zum Sperling kann auch aus den geschnäbelten Früchten, die einem winzigen Vogelkopf ähnlich sind, abgeleitet werden. Kleine zungenartige Blätter hat auch der häufig vorkommende Vogelknöterich (Polygonum aviculare), der der Spatzenzunge auch sonst im Erscheinungsbild manchmal sehr nahe kommt (und daher zum Vergleich im Bild rechts unten abgebildet ist).
Die Spatzenzungen gehören wie die Seidelbastarten der Familie der Seidelbast- oder Spatzenzungengewächse (= Thymelaeaceae), was an den sehr kleinen, aber im Aufbau jenen des Lorbeer-Seidelbastes ähnlichen Blüten zu erkennen ist (vgl: Bild 4: Daphne laureola_Grenzgraben_April13.2003).
Auf dieser Brache hat sich die Artenvielfalt ungeplant eingestellt. Wenn die Brache weiterhin sich selbst überlassen bleibt, wird die Artenzahl zurückgehen, weil einige wenige konkurrenzstarke Arten (vor allem mehrjährige Gräser) die konkurrenzschwachen Arten unterdrücken werden. Eine Beackerung der Fläche bei gleichzeitigem Verzicht auf Herbizide würde die Lebensbedingungen für die zarten Einjährigen begünstigen und diese außerordentlich vielfältige Ackerpflanzengesellschaft auch in den nächsten Jahren wieder sichtbar aufleben lassen.